[Zeitungsartikel
- ] Publiziert 2000-11-26 00:00:00
Biobauern wollen keine Chemie einsetzen
Biobauern wollen keine Chemie einsetzen
Die vorgeschriebene chemische Bekämpfung der Dasselfliege steht im
Verdacht, BSE zu begünstigen
Zürich/Turbenthal - Das Zürcher Veterinäramt hat ihm ein Ultimatum
bis Ende November gestellt. Doch Biobauer Urs Hans weigert sich, seine
Rinder mit chemischen Mitteln gegen Dasselfliegen zu behandeln. Die
Mittel seien mitverantwortlich für BSE, sagt er.
Hans stützt sich auf wissenschaftliche Forschungen des britischen
Biobauern Mark Purdey und des Londoner Neurologen Stephen Whatley. Diese
stellten die These auf, dass Rinder anfälliger auf BSE sind, wenn sie
zuvor mit Organophosphaten gegen Dasselfliegen behandelt wurden.
Urs Hans ist entschlossen, seine Tiere nicht mit Chemie zu behandeln,
sondern ihnen die Dasseln im Frühjahr von Hand auszudrücken (vgl.
Kasten). Das Veterinäramt des Kantons Zürich ist damit nicht
einverstanden und droht Hans mit einer "einfachen Sperre ersten
Grades" für seine über hundert Tiere. Bei einer Sperre dürfte
Hans seine Tiere im nächsten Jahr nicht mehr auf seine Alp im
Greyerzerland bringen. "Mein Betrieb wäre flachgelegt", sagt
der Biobauer aus dem Tösstal, da er seine Tiere im Sommer nicht mehr füttern
könnte. Die Rinder, deren Fleisch er direkt ab Hof verkauft, dürfte
der Biobauer zudem nur noch unter Kontrolle schlachten. Wegen einer früheren
Verweigerung der Dasselfliegen-Behandlung hat Hans bereits ein
Gerichtsverfahren am Hals.
Biosuisse sieht die Glaubwürdigkeit des "Knospe"-Labels gefährdet
Gegen die vorgeschriebene Bekämpfung der Dasselfliegen hat beim
Bundesamt für Veterinärwesen (BVet) auch Biosuisse, die Vereinigung
der Schweizer Biolandbau-Organisationen, mehrere Male schriftlich
protestiert. Sie schade der Glaubwürdigkeit ihres Labels, der
"Knospe", fürchtet Biosuisse. Das letzte Schreiben ans BVet
datiert von Mitte November. Darin fordert Biosuisse, dass Biobauern
"an Stelle der chemischen Bekämp- fungsmethode gegen Dassellarven
der tierseuchenbedingten Pflicht auch mit kontrollierbaren natürlichen
Methoden nachkommen können" sollen.
Mittlerweile protestieren auch konventionell produzierende Bauern gegen
die chemische Bekämpfung. Max Ritter, Landwirt und SVP-Politiker, hat kürzlich
im basellandschaftlichen Kantonsparlament einen Vorstoss eingereicht.
Seit 1996 wisse das BVet, dass Organophosphate "einen ursächlichen
Zusammenhang mit dem Auftreten von BSE" haben könnten, schreibt
Ritter: "Weshalb wurden wir Bauern nicht darüber informiert?"
Die Antwort der basellandschaftlichen Regierung steht noch aus.
In der Wissenschaft sind die Thesen von Purdey und Whatley umstritten.
Der Zürcher BSE-Forscher Adriano Aguzzi sieht für weiterführende
Forschung keine Notwendigkeit: "Mir persönlich scheint die
Organophosphat-Hypothese dermassen weit hergeholt, dass ich die
Ressourcen meines Labors zu Ihrer Überprüfung nicht verwenden möchte."
Dies solle aber nicht heissen, so Aguzzi, "dass andere das nicht
tun sollten."
Nicht alle Beobachter sind indes derart skeptisch. Markus Moser, Chef
der BSE-Test-Herstellerin Prionics AG, nimmt Purdeys These durchaus
ernst: "Dass Organophosphate bei der Auslösung von BSE ein
Ko-Faktor sind, kann man nach den heutigen Erkenntnissen zumindest nicht
ausschliessen".
Erstmals wird in diesem Jahr "absolut problemlose" Chemie
eingesetzt
In diesem Jahr stelle sich die Frage der Organophosphate sowieso nicht
mehr, sagt der stellvertretende Zürcher Kantonstierarzt Heinrich
Binder. Zur Be- kämpfung der Dasselfliegen würden erstmals Mittel
eingesetzt, die nicht zu dieser Art von Chemikalien gehörten. Die neu
verwendeten Mittel seien "absolut problemlos", verspricht
Binder.
Damit stösst er aber bei den Biobauern auf kein Gehör. "Das hat
man bisher noch bei jedem neuen Mittel behauptet", empört sich
Biosuisse-Präsident Ernst Frischknecht. Und Urs Hans sagt: "Den
Veterinärämtern glaube ich kein Wort mehr."
Autor: Andreas Windlinger
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