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  [Segnungen der Chemie]
16/11/00 - 16/11/00
12:00 - 12:00

Vergiftet und vergessen

Nervengift Nemagon wurde in Mittelamerika auf Bananenplantagen eingesetzt. Beim Verteilen durch Flugzeuge wurde deren Gift auch gleich über die Landarbeiter gesprüht. Das Resultat, ein Langzeithorror für die Betroffenen und eine Chemie die nicht zu ihren Sauereien steht!
Dazu, ein Bericht aus der Weltwoche! (Urs Hans)

Weltwoche Ausgabe 2000-46 vom 16.11.2000 Ressort: Wirtschaft Seite 35

Vergiftet und vergessen

Bananenpflücker, die mit Pestiziden besprüht wurden, klagen gegen United Fruit


Von Toni Keppeler

Lucas Barahona ist 44, aber er sieht aus, als wäre er weit über sechzig: Seine runzlige Haut ist voller Altersflecken, der Rücken gekrümmt. Jede Bewegung strengt ihn an. "Die Ärzte haben mir gesagt, ich soll nach Hause gehen und auf den Tod warten." Seine zehnjährige Tochter ist erst knapp einen Meter gross und kann nur mit Mühe gehen. Der vierjährige Sohn wirkt wie ein alt gewordenes Baby. Ohne Hilfe kann er sich nicht aufrichten. "Es ist, als hätten sie keine Knochen im Leib", sagt der Vater. Er selbst leidet an Knochenkrebs, Hautausschlägen und Atembeschwerden.

Barahona und seine zwei Kinder sind Opfer von Nemagon. Drei von rund 22 000 in Nicaragua. Nemagon ist ein Pestizid, das in den Vereinigten Staaten produziert und bis mindestens Ende der siebziger Jahre auf Bananenplantagen der Dritten Welt eingesetzt wurde. Barahona hat auf so einer Plantage im Westen von Nicaragua gearbeitet. Sie gehörte damals der Standard Fruit Company (Markenname: Dole). Der Konzern weigert sich noch heute, die betroffenen Arbeiter für ihr Leid zu entschädigen.


Lediglich ein Dutzend Chemiekonzerne, allen voran Shell, Dow Chemical und Occidental Chemical, haben sich bereit erklärt, 25 000 durch Nemagon geschädigte Arbeiter in Lateinamerika und Asien mit insgesamt 41,5 Millionen Dollar abzufinden. In Nicaragua soll das Geld ab dem 15. November ausbezahlt werden. Doch die Abfindungen sind lediglich für Männer und Frauen gedacht, die durch das Pflanzengiftzeugungs- oder gebärunfähig geworden sind. Barahona erhält nichts von dem Geld.


Jetzt gehen die ehemaligen Plantagenarbeiter aus Nicaragua auf die Barrikaden. Sie wollen von der Standard Fruit und anderen Bananenkonzernen sowie den Chemiefabriken, aus denen das Gift gekommen war, mehr als eine halbe Milliarde Dollar. 50 000 für jeden vergifteten Arbeiter plus eine lebenslängliche Rente und 20 000 für jedes geschädigte Kind.

Die Summen erscheinen für ein armes Land wie Nicaragua unangemessen hoch. Doch sie haben ihren Sinn: Es gibt keine Arbeitslosenversicherung, und kaum jemand ist krankenversichert. Schutz bietet einzig der Familienverband. Gibt es wegen Sterilität keine Kinder, gibt es auch kein Auskommen im Alter. Sind Vater und Mutter arbeitsunfähig und die Kinder geschädigt, bleibt nur noch Betteln oder der Hungertod.


Der Prozess soll in den Vereinigten Staaten geführt werden. Das ist zwar teuer und kann Jahre dauern. Doch die ehemaligen Plantagenarbeiter haben den Rücken frei. Nach einem Hungerstreik vor dem Parlament in der Hauptstadt Managua wurde im Oktober ein Gesetz verabschiedet, nach dem der Staat die Prozesskosten der Kläger übernimmt, falls diese vor Gericht unterliegen sollten.

Alle werden das Urteil nicht mehr erleben. Alleine in diesem Jahr sind in der Gegend von Chinandega fast hundert Menschen an den Folgen einer Nemagon-Vergiftung gestorben.

"In den siebziger Jahren wurde das Zeug ohne jede Schutzvorkehrung verwendet", sagt der Gewerkschafter Victorino Espinales. Und Barahona erzählt: "Die haben aus dem Flugzeug gesprüht, und wir standen drunter." Die langfristigen Folgen: Knochenverformungen, Hämatome, Hautkrebs, Kurzsichtigkeit, Herzstörungen und vor allem Sterilität. "Wir haben mehr als 700 nachgewiesene Fälle", sagt Espinales.


In der Provinzstadt Olanchito im Norden von Honduras schlug vor gut zwei Jahren ein Arzt Alarm. In seinem Krankenhaus kam ein Prozent der Kinder ohne Gehirn zur Welt. Die Mütter waren Plantagenarbeiterinnen oder wohnten am Rande einer Pflanzung. Der Arzt führte den Schaden auf den Einsatz von Nemagon zurück. Doch eine Regierungskommission stellte nach zwei Monaten fest: Ein Zusammenhang lasse sich nicht beweisen. Umweltschützer fanden damals in unterirdischen Depots der Standard Fruit über hundert Fässer Nemagon. Das Lager lässt darauf schliessen, dass das Gift über die siebziger Jahre hinaus eingesetzt wurde. Zur ersten Klage kam es 1993. Das Verfahren endete 1997 in dem erwähnten Vergleich. Die Bananenkonzerne hielten sich vornehm zurück und überliessen die Entschädigungen den Chemiegiganten.

Humberto Hurtado, für Standard Fruit in Nicaragua, hat keinerlei Schuldbewusstsein. Nemagon sei in den siebziger Jahren ganz legal eingeführt und von der damaligen Regierung genehmigt worden. "Sonst hätten wir das Mittel nie eingesetzt."


Geklagt wird in Amerika


"Die glaubten wohl, dass der Fall für sie erledigt ist", sagt der Anwalt Rafael Solis Cerna, der einen Teil der Geschädigten vertritt. Er interpretiert die bisher geleisteten, geringfügigen Entschädigungen als Schuldeingeständnis und versteht sie lediglich als kleine Anzahlung. "Um den eigentlichen Schadenersatz", sagt er, "wird nun in den Vereinigten Staaten gestritten."


Die Standard Fruit nämlich hat ihre Plantagen in Nicaragua 1979 nach dem Sieg der linken Sandinisten im Befreiungskrieg aufgegeben. Die Pflanzungen werden seither von Kooperativen unterhalten. Der Konzern kauft die Ware nur noch auf - frei Schiff ab dem Hafen Puerto Cortés in Honduras. Das Produktions-, Transport- und Preisrisiko wird auf die Kooperativen abgewälzt. Ein Sieg vor einem nicaraguanischen Gericht würde den vergifteten Arbeitern deshalb gar nichts nützen. Die Richter könnten die Standard Fruit nicht zur Zahlung zwingen. Und ausser der Einrichtung eines kleinen Büros könnten sie in Nicaragua nichts beschlagnahmen.


Bild: Knochenkrebs und Herzprobleme: Nemagon-Opfer/Anita Baca/AP/Keystone


© COPYRIGHT Jean Frey Medien, Weltwoche


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